Allgemein Filmrezensionen

Vision der friedlichen Koexistenz

»Coexistance, My Ass!« von Amber Fares

Es fängt an mit Lachen, das überfordert klingt. »Wer ist diese Lady, ist sie Jüdin, ist sie Iranerin, ist sie Araberin?«, spricht Noam Shuster Eliassi die Fragen in den Köpfen des Publikums aus. »Sollte ich sie boykottieren?« Die jüdische Stand-up-Comedian spielt mit der Komplexität ihrer Identitäten, wenn sie ihre Comedyshow »Coexistance, My Ass!« auf Arabisch beginnt, dann zu Englisch wechselt, Farsi, Hebräisch. In Jerusalem werde sie oft als Palästinenserin gehalten. Schade, der israelische Soldat wolle am Checkpoint nicht mit ihr flirten, nur ihren Perso sehen. Vor ihrem palästinensischen Publikum sagt sie: Keine Sorge, sie sei nur für sieben Minuten gekommen, nicht für 70 Jahre.

Die Fähigkeit, an der Grenze des Sagbaren entlangzulaufen, dafür ist Humor bekannt. Noam nutzt sie, um Bewusstsein zu schärfen, politische Realitäten in Israel/Palästina zu ändern. Desillusioniert von klassischeren Formen von Friedensaktivismus bei der UN, verlagerte sie nach und nach ihre politische Arbeit in Punchlines. Mit Erfolg, wie die kanadisch-libanesische Regisseurin Amber Fares‘ dokumentarisch festhält. Noam trat 2019 als erste jüdische Künstlerin beim Palestine Comedy Festival auf, Harvard fragte sie für eine Zusammenarbeit an. Sie sagte zu – unter der Bedingung, dass ihre Show den Titel »Coexistance, My Ass!« trägt.

Was anfangs die Prätention der »Friedensindustrie« auf die Schippe nehmen soll, drängt sich Noam und dem Publikum im Laufe des Films mehr und mehr als kaum schluckbare Wahrheit auf. Dabei ist sie selbst in jener Quasi-Utopie der »Coexistance« aufgewachsen. Wahat al Salaam/Neve Shalom zwischen Jerusalem und Tel Aviv – »Oase des Friedens« – ist das einzige Dorf weltweit, in dem rund 300 Palästinenser:innen und Jüd:innen freiwillig zusammenzogen. Darunter auch Noams iranisch-jüdische Mutter und rumänisch-jüdischer Vater. Doch selbst dort holt sie die Grenze zwischen Palästinenser:innen und Jüd:innen ein: Ab der sechsten Klasse werden die Schüler:innen getrennt, ihr Vater geht mehrmals ins Gefängnis dafür, den Wehrdienst bei der israelischen Armee zu verweigern, auch Noam wird von der Armee angeworben, wegen ihres exzellenten Arabisch. Anders als die meisten Mitschüler:innen weigert sie sich. Immer wieder holt sie sich den Titel einer Verräterin ein, wenn sie auf der Straße oder in Bildschirme sagt: wahre Demokratie ist nur ohne Okkupation möglich.

In der Verflechtung persönlicher und politischer Geschichte zeigt der Film fünf der schwersten Jahre für die, die an die Vision der Gleichberechtigung geglaubt haben: Leute wie Noam. Auf israelischen Demos gegen die neuformierte rechtsextreme Regierung zur sechsten Amtszeit von Benjamin Netanyahu 2022 erfährt sie, dass die Protestierenden nur für die Rechte der Israelis kämpfen. In den Nachrichten sieht sie immer wieder tödliche Ausschreitungen gegen Palästinenser:innen in gemischten Städten. Besonders eindrücklich ist die Autofahrt-Szene mit dem befreundeten Elad. Trocken erzählt er, dass Steine auf Autos von Palästinenser:innen zu werfen das »Ding« seiner Jugendclique war. Erst als er bei einem Job in der Pizzeria palästinensische Kollegen kennenlernte, habe sich seine Sicht auf die Dinge geändert. »Ich hab gemerkt, das sind Menschen wie ich. Das hat mein Leben geändert«, sagt er, Noam schweigt.

An der schmalen Grenze zwischen Weinen, Lachen, Schweigen arbeitet sich der Film unermüdlich ab. Und manchmal verschwindet sie völlig. Etwa als Noam in einem »Corona-Hotel« in Jerusalem landet, in dem Palästinenser:innen und Jüd:innen unfreiwillig in Quarantäne zusammensitzen, Zumba tanzen und Essen teilen. Die Szene ist so abgrundtief simpel und absurd, dass man lange lachen und weinen möchte. Viel Zeit lässt der Film dafür nicht. Ab dem siebten Oktober 2023 klafft nur noch eine offene Wunde. Zwischen Beerdigungen von ermordeten Freundinnen durch den Hamas-Angriff und unaufhaltsamen Bombenabwürfen über Gaza bricht Noam zusammen. »Die Regierung lässt uns keine Zeit, um zu verarbeiten, was passiert«, sagt sie und greift dem Publikum abermals vor.

»Coexistance, My Ass« ist ein Porträt einer Frau, die um eine Vision der friedlichen Koexistenz ringt und darin scheitert. Nicht aber daran, für eine Welt zu kämpfen, in der eine solche Vision wieder möglich sein kann. YI LING PAN

»Coexistence, My Ass!«

Publikumswettbewerb

Amber Fares

Dokumentarfilm

USA, Frankreich 2025, 93 Minuten

https://www.dok-leipzig.de/film/coexistence-my-ass/programm

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